
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie und wo meine Mutter Maria in den fünfziger Jahren zu einer deutschen Nähmaschine von Gritzner gekommen ist. Ich vermute, dass mein Vater das Beutestück gegen Kartoffeln und Speck eingetauscht hat. In jenen Nachkriegsjahren herrschte in der Ukraine große Armut. Hungrige Händler aus den Städten zogen durch die Dörfer und boten für Lebensmittel die unterschiedlichsten Waren an.
Das erworbene Stück war allerdings nicht vollständig – es fehlten Teile des mechanischen Antriebs, der Riemen und der Tisch. Doch das war kein Problem. Mein Vater, ein geschickter Handwerker, setzte das nützliche Gerät wieder instand. Nur eine Sache blieb: meine Mutter wusste nicht, wie man mit dieser neuen Technik umging. Der alte und bereits im Nähen erfahrene Vasyl Gulatkan half ihr über die ersten Schwierigkeiten hinweg.
Schon bald beherrschte meine Mutter die für jene Zeit recht komplizierte Maschine. Sie nähte für uns Hemden, Hosen, Taschen und alles, was im Haushalt gebraucht wurde, und zwar aus selbstgewebtem Leinen.
Über vierzig Jahre lang arbeitete sie mit dieser Nähmaschine. Als ihre Kräfte nachließen, übergab sie die sorgsam gepflegte Maschine an ihre Schwiegertochter Raia und bat sie, dieses unschätzbare Erinnerungsstück niemals wegzugeben. Bis heute befindet sich die Maschine in ausgezeichnetem, funktionsfähigem Zustand.
Eine angenehme Überraschung war es für mich, genau eine solche Nähmaschine im Foyer der Stadtbibliothek von St. Ingbert (Deutschland) zu entdecken. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen – ich fotografierte sie. Danach begann ich zu recherchieren. Aus offiziellen Quellen erfuhr ich, dass der Name „Gritzner“ bereits im 19. und 20. Jahrhundert weltweit als Inbegriff von Qualität und technischer Perfektion galt.
Das Unternehmen wurde 1872 von dem Unternehmer Maximilian Gritzner in der deutschen Stadt Durlach gegründet. Aus einer kleinen Werkstatt entwickelte es sich zum größten Hersteller von Nähmaschinen in Europa. Trotz schwerer Rückschläge – etwa eines Brandes von 1881, der die gesamte Fabrik zerstörte – erholte sich das Unternehmen nicht nur, sondern wuchs mit erstaunlichem Tempo. Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte die Fabrik bereits über 1.400 Arbeiter und eröffnete ihre eigene Gießerei. Damit konnte die Produktpalette erweitert werden – von Dampfmaschinen und Pumpen über Fahrräder bis hin zu Motorrädern ab 1903.
Vom technischen Fortschritt der Zeit inspiriert, blieb „Gritzner“ dennoch ihren Ursprüngen treu: der Herstellung von Nähmaschinen. Im Jahr 1900 lief die millionste Maschine vom Band, acht Jahre später bereits die zweimillionste. Diese Zahlen sprehen für sich - sie bezeugen eindrucksvoll den Erfolg des Unternehmens und seine Bedeutung im täglichen Leben jener Epoche.
In den stürmischen Zeiten der Weltkriege und wirtschaftlichen Krisen setzte das Werk in Durlach seine Tätigkeit fort und verkörperte damit die Standhaftigkeit und den Erfindungsgeist der deutschen Industrie. Doch ein tragischer Brand im Jahr 1955 wurde zum Wendepunkt: Er vernichtete das Hauptwerk und besiegelte das Ende der Eigenständigkeit. Bereits 1957 wurde das Unternehmen vom Konkurrenten GM Pfaff AG übernommen.
Heute gelten die Nähmaschinen von „Gritzner“ als einzigartige Museumsstücke – Zeugnisse einer vergangenen Epoche der technischen Meisterschaft. Sie inspirieren neugierige und erfinderische Menschen zu schöpferischem Handeln, zu jener Art technischer Kreativität, die es dem Menschen ermöglicht, mit eigenen Händen etwas Besonderes zu schaffen und damit eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Ich bin hoch erfreut, dass die Zeit jenes menschliche Werk bewahrt hat – so, wie es einst war.
Tief bedaure ich, dass meine Eltern zu Lebzeiten diese interessante Geschichte nicht kannten. Doch sie haben ein unschätzbares Erbstück hinterlassen – die deutsche Nähmaschine „Gritzner“. Und ich bin unendlich glücklich, dass unsere Zeitgenossen dieses einzigartige technische Kunstwerk, geschaffen in Deutschland und zugleich bewahrt in meinem Bergdorf Reki ty im Gebiet Mizhhirja (Ukraine), heute noch bewundern können. Ein ganzes Leben lang hat meine Mutter mit ihr genäht.
Ich danke meiner lieben Kollegin Brigitte Messinger herzlich, die die Erzählung über die Nähmaschine aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt hat
Vasyl Tarchynets, Schriftsteller


